Liebe Freundinnen und Freunde von Daily Philosophy,
wie Sie wissen, freue ich mich immer über Einsendungen. Sie müssen nicht von akademischen Philosophen kommen. Ebenso willkommen sind Autoren, die echte Lebenserfahrungen mitbringen, die es wert sind, philosophisch durchdacht zu werden. Sie geben uns einen Einblick in ein Leben, das sich so sehr von unserem eigenen unterscheidet.
Umso mehr freue ich mich, Ihnen heute einen Artikel von David G. Villanueva vorzustellen, der sich mit der Wirksamkeit unserer Gefängnissysteme beschäftigt. Anders als viele rein theoretische Abhandlungen zum Thema beruht der heutige Beitrag auf der eigenen Hafterfahrung des Autors. Zugleich stammt er aus der Feder eines Philosophen mit Bachelorabschluss.
Bevor wir in den Artikel einsteigen, möchte ich kurz sagen, wie sehr ich mich freue, dass Daily Philosophy immer sichtbarer wird. In den letzten Wochen habe ich so viele Artikel bekommen, dass wir jetzt bis zum Jahresende jede Woche einen Beitrag eingeplant haben. Das hat allerdings auch seine Kehrseite. Ich lese all die Einsendungen (auf einen angenommenen Artikel kommen etwa zehn abgelehnte). Ich redigiere die Artikel, lese Korrektur, formatiere und veröffentliche sie. Dazu kommen die Korrespondenz mit den Autoren, gelegentliche Fehlersuche auf der Website und die Übersetzung weiterer Artikel ins Deutsche für unsere deutsche Seite (noch mehr Redigieren und Veröffentlichen). Insgesamt verbringe ich derzeit etwa einen Arbeitstag pro Woche mit Daily Philosophy.
Falls Sie diese Artikel also gern lesen, überlegen Sie doch bitte, ob Sie meine Arbeit unterstützen und diesen Weg für neue und interessante Stimmen in der Philosophie offenhalten wollen. Das geht schon für den Preis eines schicken Kaffees im Monat, und zwar mit einem Premium-Abo dieses Newsletters:
Und nun übergebe ich die Feder an den heutigen Autor.
Ein schönes Wochenende! — Andy
Steckt Wahrheit im Strafmaß? Gedanken eines Ex-Häftlings
Von David G. Villanueva
Seit Jahrhunderten versuchen Philosophen, das Recht der Gesellschaft zu begründen, einigen ihrer Mitglieder „im Interesse der Gerechtigkeit“ die Freiheit zu entziehen. Manche haben argumentiert, Strafe schrecke von künftigen Verbrechen ab. Andere meinten, sie stelle ein sittliches Gleichgewicht wieder her, das durch das Unrecht gestört worden sei. Wieder andere sahen im Gefängnis eine Gelegenheit, den Täter zu bessern und ihn der Gesellschaft als besseren Menschen zurückzugeben, als er es bei seiner Inhaftierung war. Bei allen tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten teilen diese Denkschulen eine wichtige Annahme: dass Strafe einen Zweck erfüllt, der über das bloße Zufügen von Leid hinausgeht. Diese Annahme verdient meiner Meinung nach eine genauere Prüfung.
Wenn das Gefängnis dadurch gerechtfertigt ist, dass es die Gesellschaft schützt, Straftäter resozialisiert, von künftigen Verbrechen abschreckt und/oder Gerechtigkeit wiederherstellt, dann muss man es letztlich daran messen, ob es diese Ziele erreicht. Wenn es die Menschen stattdessen beschädigter, entfremdeter und nicht besser für ein gesetzestreues Leben gerüstet in die Gesellschaft entlässt, als sie hineingekommen sind, dann versagt das Gefängnis nicht bloß administrativ. Es versagt philosophisch. Ich weiß das, weil ich dort gelebt habe.
Eine Zeit lang hörte ich auf, David zu sein. Ich wurde zu einer Gefangenennummer, einer Zellenbelegung, einem weiteren Körper, der jeden Morgen und jeden Abend gezählt wurde. In diesen Jahren hatte ich reichlich Gelegenheit, nicht nur die Menschen um mich herum zu beobachten, sondern auch die Institution selbst. Ich kam mit Meinungen an. Ich ging mit Urteilen (Wortspiel beabsichtigt).
[Pullquote: Wenn das Gefängnis dadurch gerechtfertigt ist, dass es die Gesellschaft schützt, Straftäter resozialisiert, von künftigen Verbrechen abschreckt und/oder Gerechtigkeit wiederherstellt, dann muss man es letztlich daran messen, ob es diese Ziele erreicht.]
Das ist kein Argument gegen Strafe. Eine Gesellschaft hat jedes Recht, sich vor denen zu schützen, die ihr schaden wollen. Gefährliche Menschen müssen manchmal aus der Öffentlichkeit entfernt werden, um weitere Opfer zu verhindern und um deutlich zu machen, dass bestimmtes Verhalten schlicht nicht geduldet werden kann. Daran habe ich nie gezweifelt.
Ich bezweifle aber, dass die Institution, die wir Gefängnis nennen, in irgendeinem nennenswerten Zusammenhang mit den philosophischen Rechtfertigungen steht, die zu ihrer Verteidigung angeführt werden.
Platon glaubte, Strafe solle letztlich die Seele des Übeltäters bessern. Jeremy Bentham vertrat die Auffassung, Strafe sei an sich ein Übel und nur dann zu rechtfertigen, wenn sie ein größeres Übel verhindere. Michel Foucault bezweifelte, dass es bei Gefängnissen überhaupt jemals in erster Linie um Besserung ging. Er sah in ihnen eher Instrumente der Disziplinierung, der Normierung und der sozialen Kontrolle. Die drei waren sich in fast allem uneinig.
Merkwürdigerweise liefert uns jeder von ihnen einen anderen Maßstab, an dem sich das moderne Gefängnis messen lassen muss. Meine eigene Erfahrung sagt mir, dass es keinem davon gerecht wird.
Als ich ins Gefängnis kam, nahm ich an, Resozialisierung sei mehr als ein Schlagwort. Ich glaubte, man würde ernsthaft versuchen zu verstehen, warum Menschen straffällig werden, und ebenso ernsthaft, die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass sie es wieder tun. Das schien mir eine vernünftige Erwartung. Wenn die Gesellschaft enorme Summen ausgibt, um Menschen wegzusperren, dann würde man sich doch sicher ernsthaft darum bemühen, dass sie mit geringerer Rückfallgefahr zurückkehren.
Stattdessen fand ich eine Institution vor, die Programme über alles liebt. Das Gefängnis „repariert“ Menschen leidenschaftlich gern. Sag den Verantwortlichen, du bist alkoholabhängig, und schon wartet ein Programm auf dich. Sag ihnen, Drogen hätten dein Leben beherrscht, und ein weiteres Programm taucht auf. Sag ihnen, du hast Probleme mit Wut, mit Glücksspiel, mit der Impulskontrolle oder mit so ziemlich jeder anerkannten Verhaltensauffälligkeit, und früher oder später kommt jemand mit einem Ordner unter dem einen Arm und einem Lehrplan unter dem anderen.
Nur: Sei nicht ich.
Sei nicht der Typ, der weder trinkt noch raucht. Sei nicht derjenige, der nie Drogen genommen hat. Sei nicht gewaltlos. Komm nicht mit einem Hochschulabschluss an. Sei nicht einer von nur zwei Männern mit akademischem Grad in einer Anstalt mit Hunderten von Insassen.
Und vor allem: Erzähl ihnen nicht, dass deine tiefsten Wunden weder von deiner Straftat noch von ihren Folgen stammen, sondern von jahrelangem sexuellem Missbrauch, den du als Kind erlitten hast. Dafür gibt es kein Programm. Es gab Programme für Täter, aber keine für Opfer. Damit habe ich mich nie abfinden können.
Das Gefängnis war hervorragend dafür ausgestattet, die Probleme anzugehen, die es zu finden erwartete. Für die Probleme, die tatsächlich vor ihm standen, war es bemerkenswert schlecht gerüstet.
Das ist ein wesentlicher Grund, warum das Gefängnis fast niemanden geheilt hat, den ich dort kennengelernt habe. Mich hat es jedenfalls nicht geheilt. Das lag nicht daran, dass mir nicht zu helfen gewesen wäre, sondern daran, dass die Institution keine Ahnung hatte, welche Hilfe ich eigentlich brauchte.
Damit bekam ich zum ersten Mal eine größere Wahrheit zu Gesicht. Gefängnisse werden im Englischen oft als correctional institutions bezeichnet, als Besserungsanstalten. Schon der Name enthält eine Annahme: Man kann nichts berichtigen, ohne vorher zu verstehen, was daran falsch ist.
Gefängnisse gehen aber häufig von der umgekehrten Annahme aus. Sie fragen nicht zuerst: „Wer ist dieser Mensch?“, sondern: „In welches unserer bestehenden Programme können wir ihn stecken?“
Das ist Verwaltung, nicht Resozialisierung.

Jahre nachdem wir beide entlassen worden waren, lief ich zufällig einem jungen Burschen über den Weg, mit dem ich zusammen gesessen hatte. Wir standen eine Weile beieinander und unterhielten uns, bis ich ihm eine einfache Frage stellte.
„Hast du im Gefängnis irgendwas gelernt?“
„Ja“, antwortete er. „Ich hab gelernt zu hassen.“
Dieses Gespräch habe ich nie vergessen. Es ist mir geblieben, weil Rick mit seiner beiläufigen Antwort eine Frage aufwarf, die weit über seine eigene Erfahrung hinausging. Wenn das Gefängnis bessere Bürger hervorbringen soll, was sollen wir dann daraus schließen, dass eine seiner nachhaltigsten Lektionen der Hass ist?
Es wäre beruhigend, seine Antwort als die eines verbitterten Ex-Häftlings abzutun, der nur für sich selbst spricht. Leider weisen die verfügbaren Belege in dieselbe Richtung. 1999 gab der Correctional Service of Canada eine der umfangreichsten Untersuchungen in Auftrag, die je zum Zusammenhang zwischen Haft und Rückfälligkeit durchgeführt wurden. Gestützt auf fünfzig Studien mit mehr als 330.000 Straftätern kamen die Forscher zu einem Ergebnis, das eine weit größere öffentliche Debatte verdient hätte, als es tatsächlich auslöste: Gefängnisse sollten nicht in der Erwartung eingesetzt werden, künftiges kriminelles Verhalten zu verringern. Wenn überhaupt, führte Haft zu einem leichten Anstieg der Rückfallquote.
Dieser Befund sollte jeden beunruhigen, der sich für die Philosophie der Strafe interessiert. Bentham vertrat die Auffassung, Strafe sei an sich ein Übel und nur dann zu rechtfertigen, wenn sie ein größeres Übel verhindere. Wenn Haft künftige Straftaten nicht verringert und sie womöglich sogar begünstigt, dann ist die moralische Rechnung komplizierter, als Politiker oft meinen.
Bentham vertrat die Auffassung, Strafe sei an sich ein Übel und nur dann zu rechtfertigen, wenn sie ein größeres Übel verhindere.
An dieser Stelle nimmt die Diskussion meist eine unglückliche Wendung. Irgendjemand sagt unweigerlich: „Na ja, das Gefängnis soll ja auch kein Urlaub sein.“ Völlig richtig. Das ist es nicht, und ich habe auch nie etwas anderes behauptet. Man muss aber verstehen, dass Straftäter als Strafe ins Gefängnis geschickt werden, nicht zur Strafe. Der Freiheitsentzug ist die Strafe. Alles, was darüber hinausgeht, sollte einem legitimen Zweck dienen, der mehr ist als die bloße Vermehrung von Leid.
Beim Boxen lernt man, einen Kämpfer danach zu beurteilen, was nach dem ersten Gong passiert, und nicht danach, was er vorher versprochen hat. Institutionen verdienen dieselbe Fairness. Es reicht nicht zu fragen, was Gefängnisse zu leisten behaupten. Wir müssen fragen, was sie tatsächlich hervorbringen.
Nehmen wir den jungen Straftäter, der in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem Kriminalität, Sucht, Arbeitslosigkeit und Gewalt alltäglich waren. Er wird für einige Jahre weggesperrt, in denen echte Freundlichkeit, Mitgefühl und Menschlichkeit oft verzweifelt knapp sind. Aber er überlebt. Er sitzt seine Strafe ab, wird entlassen und kehrt genau in dieselbe Nachbarschaft und dasselbe Umfeld zurück, die ihn hervorgebracht haben: zu denselben „Menschen, Orten und Dingen“, die ihn geprägt haben, mit denselben begrenzten Möglichkeiten und zusätzlich belastet durch ein Vorstrafenregister. Arbeitgeber fragen, ob er vorbestraft ist. Vermieter fragen. Ehrenamtliche Organisationen fragen. Die Gesellschaft sagt ihm, er habe seine Schuld beglichen, und schlägt ihm gleichzeitig bei jeder Gelegenheit die Tür vor der Nase zu.
Die Haftstrafe hat ein Ablaufdatum. Die gesellschaftliche Strafe hat keines.
Ich habe mich oft gefragt, ob wir die Rückfälligkeit selbst missverstanden haben. Wir reden von ihr, als wäre sie schlicht ein persönliches Charakterversagen. In vielen Fällen ist sie aber vielleicht die völlig vorhersehbare Folge der Verhältnisse, in die wir Menschen entlassen, und der Umgebung, aus der wir sie entlassen. Das Gefängnis neigt oft dazu, Kriminelle zu vervollkommnen statt zu bessern. Wir können nicht ernsthaft erwarten, dass ein junger Mann, den wir jahrelang in eine Umgebung stecken, in der er fast ausschließlich erfahreneren, abgebrühteren Kriminellen ausgesetzt ist, als Musterbürger wieder herauskommt. Wenn es uns mit der Resozialisierung wirklich ernst ist, dann darf unsere Verantwortung nicht am Gefängnistor enden.
Es gibt noch einen weiteren Gesichtspunkt, der allzu oft übersehen wird. Straftaten wurden schon immer überproportional von jüngeren Menschen begangen. Wenn unsere Bevölkerung altert, sinkt der Anteil junger Menschen ganz von selbst. Diese demografische Tatsache drückt die Kriminalitätsraten nach unten. Trotzdem erweisen sich die Gefangenenzahlen als bemerkenswert beständig. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, überlasse ich anderen. Ich stelle nur fest, dass Institutionen wie alle Organisationen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbsterhaltung besitzen.
Die Haftstrafe hat ein Ablaufdatum. Die gesellschaftliche Strafe hat keines.
Nichts davon ist als Anklage gegen die Männer und Frauen gemeint, die in unseren Gefängnissen arbeiten. Ich habe viele engagierte Vollzugsbeamte kennengelernt, die Insassen mit Anstand und Professionalität behandelt haben. Es ist auch kein Argument dagegen, gefährliche Straftäter einzusperren. Die Gesellschaft hat das Recht und die Pflicht, sich vor denen zu schützen, die eine echte Gefahr für andere darstellen.
Es ist aber ein Argument dafür, intellektuell ehrlich darüber zu sein, was das Gefängnis leisten kann und was nicht.
Wenn Strafe durch Resozialisierung, Abschreckung oder sittliche Besserung gerechtfertigt wird, dann muss man das Gefängnis letztlich daran messen, ob es diese Dinge hervorbringt. Wenn es die Menschen stattdessen beschädigter, ausgegrenzter und nicht besser für ein Leben im Rahmen des Gesetzes gerüstet in die Gesellschaft entlässt, als sie hineingekommen sind, dann versagt die Institution nicht bloß administrativ. Sie versagt philosophisch.
Wenn Philosophen über Strafe diskutieren, fragen sie oft, was die Gesellschaft der Gerechtigkeit schuldet. Meine Jahre im Gefängnis haben mich zu einer anderen Frage geführt: Was schuldet die Gerechtigkeit der Wahrheit?
Vielleicht sollte Wahrheit im Strafmaß mehr bedeuten, als die Zahl der Jahre korrekt anzugeben, die ein Richter einen Mann einsperren will. Vielleicht sollte sie auch verlangen, dass wir ehrlich darüber sprechen, was diese Jahre voraussichtlich bewirken werden. Wenn uns der Mut fehlt, diese Frage zu stellen, dann haben wir Strafe mit Gerechtigkeit verwechselt und Leid mit Fortschritt.
Diese Unterscheidung ist es wert, getroffen zu werden.

Botschaft des Autors
Als Kind wurde ich von einem Trainer, dem man vertraute, sexuell missbraucht. Diese Erfahrung hat weit mehr von meinem Erwachsenenleben geprägt, als mir damals bewusst war. Fest entschlossen, nie wieder ohnmächtig zu sein, jagte ich dem Erfolg mit außergewöhnlicher Verbissenheit nach. Ich wollte so erfolgreich, so finanziell abgesichert und so unabhängig werden, dass nie wieder jemand Macht über mich haben könnte. Doch kein noch so großer Erfolg brachte die Unsicherheit zum Schweigen. Ganz gleich, wie viel Ansehen, Geld oder Leistung ich anhäufte, ich trug immer das Gefühl mit mir herum, dass ein Makel an mir haftete, den andere irgendwie sehen konnten. Schließlich überschritt ich auf der Suche nach dem, was mich endlich sicher machen sollte, eine Grenze, die ich nie hätte überschreiten dürfen. Diese Entscheidung war meine, und nur meine. Aber zu verstehen, warum ich sie getroffen habe, ist ein Teil davon geworden, zu verstehen, wer ich bin.
David G. Villanueva ist seit seiner Jugend im Boxen, Cricket, Tennis, in der Leichtathletik, im Schach und in anderen Sportarten aktiv, zunächst als Wettkämpfer, später als Trainer. Seinen Ruhestand verbringt er heute als Sportjournalist. Er saß eine Zeit lang im Gefängnis und hat über seine Erfahrungen dort ein Buch geschrieben. Er hat einen B.A. in Philosophie. Sein Buch ist hier erhältlich: How Prison Really Works: An Idiot’s Guide to Surviving a Prison Sentence.



