Kann man den Ruf der Moral retten? #29
Gastartikel von Petrică Nițoaia
Ich habe eine Freundin, die queer und vegetarisch ist und zu den nettesten Menschen gehört, die man je treffen wird. Manche würden sie durchaus als gutes moralisches Vorbild bezeichnen… Doch das wäre ihr gar nicht recht, denn sie verbindet Ethik mit religiösen Vorurteilen. Obwohl sie teilweise von Nietzsches Werk inspiriert ist, weist sie oft auf etwas noch Wichtigeres hin: darauf, wie „Moral” von den Imperien der Vergangenheit genutzt wurde, um indigene Kulturen auszulöschen.
Ein anderer Freund teilte mir seine Gedanken zu einem meiner Texte über Tierethik mit. Doch ganz plötzlich wurde er von Erinnerungen an sein Heimatland überwältigt, wo Moral bedeutete, dass die Gesellschaft alle, die nicht ins Bild passten, grundlos beschämte. Deshalb fasste er die Idee, freundlicher zu Tieren zu sein, in Begriffe von Humanismus, Aufklärung, Empathie oder machte daraus eine Frage der Rechte – ganz sicher aber keine der Ethik. Ich fand mich also wieder im Gespräch mit einem freundlichen, charismatischen und einfühlsamen Menschen, dessen Wesen man mühelos als moralisch loben könnte, der aber schon die bloße Erwähnung des Wortes nicht mochte.
Warum klafft eine so große Lücke zwischen dem Bild der Moral, das man aus Büchern gewinnt, und dem, das so viele Menschen im echten Leben erfahren?
Wie kann das sein? Beide Wörter, „Moral” und „Ethik”, beziehen sich auf dieselben Ideen, und meiner Erfahrung nach fördern Philosophiebücher zu diesem Thema Fürsorge und Freundlichkeit. Warum klafft also eine so große Lücke zwischen dem Bild der Moral, das man aus Büchern gewinnt, und dem, das so viele Menschen im echten Leben erfahren? Die Gründe liegen natürlich auf der Hand. Weniger klar ist, ob wir die Moral aus dem Missbrauch der Vergangenheit zurückgewinnen können – oder ob sich der Versuch überhaupt lohnt.
Eine befleckte Geschichte
Im einfachsten (deskriptiven) Sinne bezeichnet „Moral” den Verhaltenskodex, den eine Person oder Gruppe verwendet – eine Art „Werkzeugkasten”, der uns hilft, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Doch die Schwierigkeiten beginnen, wenn wir ihren normativen Gebrauch betrachten: einen Verhaltenskodex, „der unter bestimmten Bedingungen von allen vernünftigen Menschen vertreten würde” (SEP). Jede menschliche Gesellschaft besitzt irgendeine Form von gemeinsam vereinbarten (oder erzwungenen) Verhaltensregeln; wie Peter Singer bemerkte: „Ethik ist unausweichlich.” Nun sind die Menschen selbst und die Gesellschaften, die sie errichten, verschieden, und daher ist es kein Wunder, dass Uneinigkeit über die Natur der Moral besteht, darüber, in welchem Ausmaß sie unser Verhalten beeinflussen kann oder sollte, und darüber, wer überhaupt die Autorität hat, moralische Aussagen zu treffen.
Im Laufe der Geschichte gingen moralische Lehren am häufigsten auf zwei Arten schief:
wenn die Ideen selbst wirklich schlecht waren oder
wenn ansonsten gut gemeinte Lehren missbraucht wurden.
Gute moralische Systeme müssen beides berücksichtigen – die Fähigkeit, sich mit der Zeit zu verbessern, und die Verhinderung mutwilligen Schadens im Namen moralischer Empörung. Während Menschen schädliche Lehren manchmal verwerfen, zwingen sie sie zu anderen Zeiten dogmatisch und gewaltsam anderen auf. Statt hier selbst einem solchen Dogmatismus zu verfallen, sehen wir uns einige Beispiele an:
Im kommunistischen Rumänien bekam man große Probleme, wenn man lange Haare trug – nur wenige Künstler erhielten offizielle Dokumente, die dies erlaubten (Nordkorea lässt bis heute nur eine kleine Auswahl an Frisuren zu). Solche Regeln, oft als moralische Grundsätze getarnt, waren Werkzeuge totalitärer Kontrolle. Bei Zuwiderhandlung drohte der Verlust der Haare – oder sogar Schläge, Gefängnis, Zwangsarbeit und ständige Schikane durch die Geheimpolizei. Doch am bekanntesten für Verbrechen im Namen der „Moral” ist wohl der Kolonialismus.
Niemand rechnet damit, dass die Spanische Inquisition noch relevant ist, aber sie ist das berühmteste historische Beispiel einer religiösen Institution, die Moral als Werkzeug der Verfolgung einsetzte. Selbst ausdrücklich friedfertige Religionen wie der Zen-Buddhismus wurden im Laufe der Geschichte vereinnahmt (siehe das Buch Zen at War). In unserer Zeit beschäftigt sich Irans Sittenpolizei hauptsächlich damit, Frauen zu schlagen, einzusperren oder sogar zu töten, die sich nicht an die offizielle Kleiderordnung halten. Da ich nicht auf Irans Fahndungsliste landen möchte, überlasse ich es den Lesern, selbst zu entscheiden, wie moralisch besagte Polizei ist.
Wir können nicht anders, als überrascht zu sein, wenn einflussreiche Philosophen wirklich seltsame Ansichten vertreten.
Den meisten von uns ist klar, warum große hierarchische Institutionen Macht und Moral oft missbrauchen, aber wir können nicht anders, als überrascht zu sein, wenn einflussreiche Philosophen wirklich seltsame Ansichten vertreten. Immanuel Kant etwa machte oft rassistische Bemerkungen, und sein Egalitarismus war eher nur für weiße Männer gedacht (Ramsauer, 2023). Ähnlich hielt Arthur Schopenhauer an sexistischen Ansichten fest, obwohl er klar aufzeigen konnte, wie die unfaire Behandlung von Frauen zu seiner Zeit deren scheinbare Unterlegenheit gegenüber Männern erst hervorbrachte. Der akademische Konsens führt diese widersprüchliche Haltung zumindest teilweise auf seine Mutterprobleme zurück.
Schließlich begründete Jeremy Bentham die moderne utilitaristische Bewegung, eines der inklusivsten moralischen Systeme überhaupt, denn in seinen eigenen Worten: „Die Frage [in Bezug auf Tiere] ist nicht: Können sie denken? oder Können sie sprechen?, sondern: Können sie leiden? Warum sollte das Gesetz einem empfindungsfähigen Wesen seinen Schutz verweigern?” Doch er inspirierte auch den Bau von Hochsicherheitsgefängnissen. Sollen wir wirklich hinnehmen, dass eine so drakonische Einrichtung auf dem Weg zur Glücksmaximierung liegt? Mit derselben utilitaristischen Moralbegründung können wir die Frage „Sind Gefängnisse überholt?“ ganz einfach mit „Ja” beantworten.
Die Vergangenheit und Gegenwart der Menschheit sind voller ähnlicher Beispiele. Kann man jemandem wirklich vorwerfen, angesichts einer solchen Liste zu argumentieren, die Menschheit sei ein moralisches Desaster – eine Behauptung, die viele pessimistische Philosophen vertreten? Aber was sonst können wir aus einer so chaotischen Geschichte lernen?
Dies ist nicht der große Moment, in dem ich uraltes, verlorenes Wissen ans Licht bringe oder berichte, wie ich im Alleingang einen einzigartig großartigen universellen Moralkodex gefunden hätte. Nein! Vielmehr können wir sehr viel bescheidener sein: Moralische Empörung kann als Ausrede missbraucht werden, um gemeine Dinge zu tun; selbst große Philosophen können sich bei manchen Themen irren; es ist eine gesunde Übung, unsere moralischen Werte zu hinterfragen, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene; bessere Institutionen und menschliche Beziehungen aufzubauen ist eine fortwährende Arbeit, und der Moment, in dem wir glauben, fertig zu sein, ist genau der, in dem skrupellose Menschen beginnen, unsere Bequemlichkeit auszunutzen. Die Schamlosen können wir zwar nicht beschämen, aber sehen wir zu, ob wir den Ruf und die Nützlichkeit der Moral zurückgewinnen können.
Warum überhaupt noch über Moral sprechen?
Die Literatur zur Ethik gleicht einem großen Kohlebergwerk: viel Nützliches, aber Uninspirierendes, einige faule Ecken, aber auch Edelsteine, die darauf warten, entdeckt zu werden. Was nun folgt, sind meines Wissens die besten Ansätze, die aufzeigen, warum die moralische Untersuchung noch immer eine Kraft für das Gute sein kann. Es sind dies: die rationale freie Wahl, eine gute Portion Bescheidenheit und die Offenheit für den Dialog.
Ein Hauch von Frische: Freie Wahl
In den letzten paar hundert Jahren nahmen säkulare moralische Ideen zu (zumindest teilweise angeregt durch den Kontakt zwischen verschiedenen Völkern und Traditionen). Diese befreiende Entwicklung begann, den Geltungsbereich des moralischen Denkens einzuschränken; sie hat uns von den Beschränkungen in Bezug auf Sexualität, Kleiderwahl, Rede, Unterwerfungsrituale gegenüber höheren Gesellschaftsschichten usw. befreit. Sie hat uns auch die Freiheit gebracht, nicht religiös zu sein. Die praktische, säkulare Moral befasst sich heutzutage größtenteils mit Möglichkeiten, das Wohlbefinden zu steigern und Leid zu verringern (bei Menschen wie bei Tieren).
So sehr ich diese Entwicklung begrüße – damit ist nicht gesagt, dass religiöse Moral irrational sei, sondern vielmehr, dass sie nicht so frei ist. Wenn man glaubt, dass die Hölle existiert, ist es dann nicht rational, dem religiösen Gesetz zu folgen?! Was die säkulare Seite betrifft, so können Moralisten endlos über Verantwortlichkeiten und Pflichten reden, aber letzten Endes ist es schlicht eine Frage der Wahl und des eigenen besten Urteils, ob man Bedürftigen hilft oder ausschließlich egoistische Interessen verfolgt. Aber wie können Moralisten (spirituelle wie säkulare) behaupten, ihre Entscheidungen seien rational, wenn sie so oft danebenlagen? Genau hier werden eine gute Portion Bescheidenheit und die Offenheit für den Dialog wichtig.
Aber wie können Moralisten (spirituelle wie säkulare) behaupten, ihre Entscheidungen seien rational, wenn sie so oft danebenlagen?
Es liegt mir fern, zu behaupten, die Moral sei die einzige Art, Entscheidungen zu treffen, oder solle es sein. Was ich hier verteidige, ist ihre Bedeutung und in manchen Fällen sogar ihr Vorrang. Denn Instinkte, Wünsche oder Emotionen können unzuverlässig sein. Auch Gesetze, Kultur, Traditionen und pragmatische Gründe sind bei Entscheidungen von großer Bedeutung; doch gerade in diesen Fällen greifen wir oft auf moralische Argumente zurück, um Reformen oder Verbesserungen zu erreichen. Nehmen wir das Beispiel einer Bäuerin, die sich gegenüber Tieren nach ihren Werten, ihrer Tageslaune, den geltenden Gesetzen und der Wahrscheinlichkeit von deren Durchsetzung verhält. Bei der Entscheidung aber, ob sie eine Hühnerfarm oder eine Kichererbsenfarm aufbauen soll, wird ihr das Studium der Ethik helfen. Oder bei der Wahl zwischen einer Massentierhaltung und einem Gnadenhof.
Zu dieser Diskussion und den vielen Faktoren, die bei Entscheidungen zusammenspielen, gibt es natürlich noch viel mehr zu sagen. Aber in einer Zeit, in der Krieg, Preise, Ausbeutung und Klimawandel zunehmen, kann moralisches Denken zu einer tragfähigen Alternative werden, um unsere Gesellschaften zu verbessern und von Betrügern, Diktatoren und Oligarchen zu heilen!
Dialog als Gegenmittel zum Relativismus
Beim moralischen Relativismus geht es nicht nur um den „Schock der Erkenntnis, dass die eigenen ethischen Ansichten auf Gewohnheiten beruhen und dass man, wäre man in einer anderen Gesellschaft mit anderen Sitten aufgewachsen, andere ethische Ansichten hätte” (Peter Singer). Manchmal ist er das Ergebnis des Wissens darum, dass gewalttätige Kolonialregime oder religiöse Institutionen unter dem Deckmantel der Moral aufgezwungen wurden – daher die Angst, dass moralisches Denken zwangsläufig monströse Wirkungen hervorbringe.
Der Hauptreiz des moralischen Relativismus liegt in seinem Respekt vor anderen Kulturen. Seine populärsten Ausprägungen sind
die Vorstellung, dass alle moralischen Systeme gleichermaßen gut seien, oder
dass es keine Möglichkeit gebe zu entscheiden, welche moralische Position einer anderen vorzuziehen sei.
Wie jeder aufmerksame Leser bemerkt hat, besteht das Problem darin, dass sich manche moralischen Dilemmata nicht lösen lassen, indem man wegschaut. Noch bedeutsamer: David Graeber (Possibilities) argumentiert, dass der Relativismus den Status quo fördert und manchmal dazu führt, bestehende ungerechte Machtstrukturen zu verteidigen. Denn um konsequent zu sein, „muss der klassische Relativist annehmen, dass alle Kulturen oder Gesellschaften Autoritätsstrukturen besitzen, die einander ähnlich genug sind, dass ein außenstehender Beobachter sie identifizieren kann, und dass diese Strukturen darüber hinaus in sich legitim sind. Die politischen Implikationen sind, gelinde gesagt, beunruhigend.”
Eine Lösung hierfür ist die zutiefst menschliche Praxis des ehrlichen, aufrichtigen Gesprächs. Dieses kann sowohl zwischen Individuen als auch zwischen Gesellschaften stattfinden. Wenn wir schmierigen Konzernen, Oligarchen und gewalttätigen Ideologien gegenüberstehen, kann sich genau diese menschliche Neugier und Freude an der Diskussion als Wandel zum Guten erweisen. Aber hat ein solcher interkultureller Austausch tatsächlich zu moralischen Verbesserungen geführt?
Mehr, als uns gewöhnlich bewusst ist. Einige Beispiele:
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 verabschiedet und ist bis heute ein Referenzdokument von herausragender Bedeutung in der Politik. Viele Länder nutzen sie, um gerechtere Gesetze zu entwerfen, während Diktatoren beständig versuchen, sie zu delegitimieren, da sie eine offenkundige moralische Herausforderung für ihre Herrschaft darstellt. Für dieses Dokument stimmten so unterschiedliche Staaten wie Indien, China, die USA, Großbritannien, Paraguay, Brasilien, Ägypten, Syrien, die Türkei, Afghanistan, Äthiopien, Thailand usw. Ich empfehle wärmstens, zumindest die Wikipedia-Seite zu diesem Dokument zu lesen, insbesondere die Liste der Rechte, die Gründe, warum sich einige Staaten der Stimme enthielten, und die Beweggründe derer, die es noch immer kritisieren.
Es gab nie eine einzige Sache, auf die sich alle Menschen oder politischen Gruppen geeinigt hätten. Bei moralischen Fragen ist das nicht anders. Am nächsten an eine Ausnahme kommt die Tatsache, dass Sklaverei heute in allen Ländern illegal ist! Zwar gab es Gesellschaften, die eigens darauf ausgerichtet waren, eine solch grobe Entwürdigung zu verhindern, und die Praxis wurde auch in der Vergangenheit schon abgeschafft, etwa vom altindischen Kaiser Ashoka im 3. Jahrhundert v. Chr., doch nie gab es eine so globale faktische Verurteilung und Delegitimierung. Von welcher Praxis auch immer, wohlgemerkt. Die Sklaverei ist zudem eines der klarsten Beispiele, bei denen moralische Empörung ein entscheidender Faktor für den Wandel zum Guten war.
Eines der sozialen Anliegen unserer Zeit ist die Behandlung von Tieren. Freundlichkeit gegenüber Tieren ist keine neue Idee, denn sie wurde durch Religionen wie den Jainismus oder durch Denker wie Mahavira, al-Ma’arri, Mary Shelley, Tolstoi, Singer usw. gefördert. Auch wenn Empathie, Gesundheit, persönliche Vorlieben oder Umweltbedenken als Gründe für eine bessere Behandlung von Tieren angeführt werden, ist einer der wichtigsten der ethische: dass wir ihnen nicht unnötig schaden sollten und dass sie es nicht verdienen, wie Objekte behandelt zu werden. Zu diesem Zweck schließen sich Menschen aus aller Welt zusammen, um tierleidfreie Alternativen zu finden. Was Lebensmittel angeht, fördern sie traditionelle und neuartige Alternativen wie Gemüsesuppen aus Europa, Tofu-Gerichte aus China und die reiche vegetarische Küche Indiens oder des Nahen Ostens. Auch tierversuchsfreie Kosmetik, Kleidung und andere Produkte werden entwickelt – eine Feier der menschlichen Kreativität, des Respekts vor anderen Tieren und des Bewusstseins für unseren Platz in dieser Welt: als die einzigen Wesen, die moralisch sein können.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ehrlicher, respektvoller moralischer Dialog wichtig ist. Wie Nietzsche einst schrieb: „Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist –, wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden?” Lernen wir aus dieser spitzen Bemerkung, lassen aber alles andere beiseite, was er über Ethik schrieb: Wenn wir wollen, dass unsere moralischen Entscheidungen zuverlässiger, besser informiert und nützlicher werden, ist es eine gute Idee, andere Ansichten und Kulturen zu erkunden – sogar jene, die jegliche Wahrheit oder jeglichen Nutzen der Moral anzweifeln.
Bescheiden bleiben, aber für das Richtige einstehen!
Werde ich meine Nietzsche-liebende Freundin von den Vorzügen eines säkularen, dialogischen Zugangs zur Moral überzeugen können? Oder meinen anderen Kumpel davon, dass wir ein Land haben können, in dem Moral eine Kraft für das Gute ist? Darum geht es nicht. Es geht darum, bessere Gespräche über dieses Thema zu führen. Und ich glaube, es ist wichtig, weiter darüber zu reden: Die Moral ist eine der wenigen Waffen, die wir gegen Unterdrückung haben – neben dem gewaltsamen Widerstand! Wenn wir sie aufgeben, was bleibt uns dann außer Macht geht vor Recht?
Die Moral ist eine der wenigen Waffen, die wir gegen Unterdrückung haben – neben dem gewaltsamen Widerstand.
Man sagt, wichtige Dinge seien es wert, dass man für sie arbeitet. Was die Moral betrifft, so wissen wir, dass sie sich für üble Zwecke missbrauchen lässt. Niemals werden sich alle Menschen in irgendetwas einig sein, und früher oder später werden wir selbst faire moralische Systeme vermasseln. Mehr noch: Der Philosoph John Gray erinnert uns daran, dass sich Moral nicht wie Technik anhäuft. Während der technische Fortschritt linear verläuft, können ethische Errungenschaften leicht wieder verloren gehen. Wir dachten zum Beispiel, der Faschismus sei für immer auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, aber er lebt heute wieder auf. Obwohl wir die Sklaverei abgeschafft haben, liegen zig Millionen Menschen noch immer in Ketten (und andere Formen der Ausbeutung nehmen zu). Die gesetzlichen Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten waren in der Sowjetunion unter Lenin besser als unter dem heutigen russischen Regime. Die Karriere eines Mannes wie Putin kann den über Jahrhunderte errungenen moralischen Fortschritt im Alleingang zunichtemachen.
Trotz alledem sind wir nun einmal hier und müssen Entscheidungen treffen. Bescheiden über unsere moralischen Fähigkeiten zu sein und das Versagen der Vergangenheit anzuerkennen, bedeutet nicht, dass wir bloß herumsitzen und grübeln sollen. Wissen gebiert Handeln. Wir können den moralischen Diskurs aus den Händen gewalttätiger Meinungsmacher zurückgewinnen. Wir sollten vom moralischen Relativismus lernen und einen freundlichen, respektvollen moralischen Dialog fördern. Oder, wie Catia Faria schrieb: „Manche mögen sagen, dass die in diesem Buch gezogenen Schlussfolgerungen vielleicht zu anspruchsvoll sind. Als Antwort möchte ich schlicht feststellen, dass ich das nicht glaube. Vielmehr ist es so, dass gerade deshalb solche Anforderungen an uns gestellt werden, weil die Welt so weit vom bestmöglichen Szenario entfernt ist. […] Wir sollten uns vor bequemen moralischen Überzeugungen hüten. Philosophen sollten Revisionisten sein. Wenn unsere Überzeugungen falsch sind, sollten wir sie ändern. Wenn die Dinge schlecht stehen, sollten wir entsprechend handeln.”
Petrică Nițoaia ist ein ehemaliger Schäfer, der sich leidenschaftlich für Philosophie und Tierethik interessiert. Er schreibt hauptsächlich über die Ethik der Lebensmittelproduktion, das Leiden wildlebender Tiere, Menschenrechte und philosophischen Pessimismus. Er findet Philosophie und Geschichte nicht nur faszinierend, sondern auch unterhaltsam und nützlich, um die Welt zu einem freudigeren und gerechteren Ort für alle zu machen.
Ausgewählte Quellen
Singer, Peter. The Expanding Circle. Princeton University Press eBooks, 2011. https://doi.org/10.1515/9781400838431.
Gray, John. Straw Dogs. 2007, Farrar, Straus and Giroux
Faria, Catia. Animal Ethics in The Wild. Wild Animal Suffering and Intervention in Nature, Cambridge, Cambridge University Press, 2023
Graeber, David. Possibilities. Essays on Hierarchy, Rebellion, and Desire, 2007, AK Press
Ramsauer, Laurenz. (2023) Kant’s Racism as a Philosophical Problem. Pacific Philosophical Quarterly, 104: 791–815. https://doi.org/10.1111/papq.12444.
Gert, Bernard and Joshua Gert, “The Definition of Morality”, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2020 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = https://plato.stanford.edu/archives/fall2020/entries/morality-definition/.
Empfehlung:
Viele haben die in diesem Artikel vorgeschlagenen Ideale verkörpert, aber zum Abschied möchte ich an einen der wichtigsten Menschen in der Entwicklung tierversuchsfreier Kosmetik und Medizin erinnern: Ethics into Action: Henry Spira and the Animal Rights Movement von Peter Singer.
Danksagung:
Ich danke Bianca und Boško für die Diskussionen, die diesen Artikel inspiriert haben. Sie und Kristyna halfen auch beim Lesen erster Entwürfe.



