Das geheime Evangelium des Frankenstein #31
Gastartikel von Daniel Gauss
Der Roman Frankenstein aus dem Jahr 1818 stammt von Mary Shelley, der Tochter zweier Idealisten und Pazifisten. Ihre Mutter, Mary Wollstonecraft, schrieb A Vindication of the Rights of Woman (Eine Verteidigung der Rechte der Frau, 1792), während ihr Vater, William Godwin, ein pazifistisch-anarchistischer Philosoph war, der zutiefst an die menschliche Vernunft und die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen glaubte. Shelley wuchs im langen Schatten der fortschrittlichen Politik ihrer Eltern auf und ließ sich stolz von ihnen beeinflussen.
Und doch wird das Geschöpf, das sie erschuf – intelligent, sprachgewandt, gefühlvoll –, zum Mörder getrieben. Das Wesen, das Victor Frankenstein formt, beginnt als unbeschriebenes Blatt, das sich nach Liebe und Zugehörigkeit sehnt, wird aber wegen seines grotesken Äußeren gemieden, verspottet und gehasst und endet als Flüchtiger, gejagt und selbst jagend, überwältigt von Bitterkeit und Rachsucht. Aber musste er zum Mörder werden? Wäre Shelley ihren pazifistischen Wurzeln treuer geblieben, statt ihren Mann, Lord Byron und das allgemeine Lesepublikum unterhalten zu wollen – hätte der Roman dann vielleicht einen anderen Weg genommen?
Ihr Vater hatte argumentiert, dass Menschen durch ihre Erfahrungen und ihre Umgebung geprägt werden und nicht durch angeborene moralische Mängel oder feste, dem Wesen innewohnende Charakterzüge. In seinem Werk An Enquiry Concerning Political Justice (Untersuchung über die politische Gerechtigkeit, 1793) vertrat Godwin die Ansicht, dass kriminelles Verhalten aus Unwissenheit, mangelhafter Bildung und ungünstigen sozialen Verhältnissen entsteht.
Er ist so grotesk und einschüchternd, dass andere das Gefühl haben, er stelle eine unmittelbare Bedrohung für sie dar.
Für Mary Shelley wäre die schlimmste Schauergeschichte demnach vielleicht die von einem im Grunde guten Mann gewesen, der die Menschheit liebte und ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein wollte, der aber allein wegen seines Aussehens gemieden wird und deshalb böse wird. Victor Frankenstein, besessen davon, die Grenzen von Wissenschaft und Anatomie zu verschieben, und in seiner Hast handelnd, erschafft sein Geschöpf tatsächlich acht Fuß (rund 2,40 Meter) groß und nicht einmal den Proportionen des Goldenen Schnitts entsprechend.
So erhalten wir ein Wesen, das äußerlich ganz dem Bild des vollkommenen Außenseiters entspricht. Es ist so grotesk und einschüchternd, dass andere das Gefühl haben, es stelle eine unmittelbare Bedrohung für sie dar. Trotz seines anfänglichen Wohlwollens wird es ausgegrenzt. Die Bosheit des Monsters entspringt seinen Reaktionen auf die ungerechte gesellschaftliche Zurückweisung. Aber hätte das „Monster” nicht auch kein Monster werden können?
Das ist keine leichtfertige Frage. Sie berührt das, wozu Literatur da ist, welche Moral sie verkörpern kann und welche Formen des Widerstands sie sich vorzustellen vermag. Mary Shelleys Geschöpf ist zu einer universellen Metapher für den Außenseiter geworden, für das missverstandene Genie, für das gescheiterte Kind der Wissenschaft – und doch bleibt Raum für die Frage, ob der Weg, den es einschlug, unausweichlich war. Vielleicht wurde er ihm von einer Kultur aufgezwungen, die sich gewaltlosen Widerstand angesichts extremer Widrigkeiten noch nicht vorstellen konnte. Stellen wir uns eine Alternative vor.
Die Weigerung zu hassen
In Shelleys Roman beginnt das Geschöpf in Unschuld. Es beobachtet eine Familie auf dem Land, lernt durch Beobachtung ihre Sprache, liest Das verlorene Paradies (Paradise Lost), Plutarchs Lebensbeschreibungen und Die Leiden des jungen Werthers. Es bildet sich mit dem Ziel der Tugend. Doch als es schließlich versucht, sich der Menschheit anzuschließen, wird es geschlagen, gemieden und geschmäht. „Ich bin boshaft, weil ich unglücklich bin”, sagt es zu Victor Frankenstein. Was, wenn es stattdessen gesagt hätte: „Ich bin unglücklich, aber ich bin mir meiner selbst bewusst genug, um mich zu weigern, boshaft zu werden. Ich werde dagegen ankämpfen, antisozialen Gefühlen nachzugeben. Ich werde mich bemühen, Hass nicht mit Hass zu vergelten.”
Hier liegt ein möglicher Archetyp: der stille, verstoßene Heilige, der Helfer, dem niemand dankt, der Mönch im Exil.
Offen gesagt wäre dies die eigentliche Bewährungsprobe des Godwin’schen Pazifismus gewesen. Man weigert sich, als Antwort auf das Böse in der Welt selbst böse zu werden. Man stelle sich das Geschöpf vor, wie es trotz Zurückweisung noch Wege findet, seine Liebe zu denen zu zeigen, die es nicht lieben: wie es des Nachts still Dinge repariert, Dächer ausbessert, Feuerholz hinlegt, verirrte Reisende leitet. Es wäre ein hünenhafter Geist des Guten. Die Dorfbewohner würden von einem geheimnisvollen Helfer raunen. Die Welt würde es vielleicht nie in ihre Arme schließen, doch manche würden anfangen, ihre Furcht vor anderen, die sich bloß auf das Äußere gründet, zu hinterfragen.
Hier liegt ein möglicher Archetyp: der stille, verstoßene Heilige, der Helfer, dem niemand dankt, der Mönch im Exil. Wir sähen nicht den Bogen der Rache, sondern den Bogen der Barmherzigkeit. In mancher Hinsicht wäre diese Alternative revolutionärer als der tatsächliche Frankenstein-Roman, weil sie sich der gängigen, akzeptierten Logik von Kränkung und Vergeltung verweigert. Sie wäre schwerer zu schreiben, denn Wut lässt sich leichter dramatisieren als stille Tugend. Aber sie böte dem Leser auch eine tiefere Herausforderung.
Die politische Vorstellungskraft eines Monsters
Mary Shelley schrieb Frankenstein in einer Zeit der Gegenreaktion auf die Revolution. Die Französische Revolution war in den Terror abgeglitten. Der romantische Traum von Befreiung hatte sich in nichts aufgelöst. Ihr eigenes Leben war von Trauer gezeichnet – etwa vom Verlust von Kindern, von Exil und Armut. Pazifismus wird in der Literatur oft mit Naivität verwechselt, aber was, wenn das Gegenteil zutrifft? Was, wenn es mehr Mut erfordert, eine Figur zu zeigen, die unter Druck nicht zerbricht, die sich weigert, vom Schmerz verbogen zu werden?
Wir bewundern Gandhi, King und Mandela gerade deshalb, weil sie Hass nicht mit Hass beantworteten. Hätte Shelley ihr Geschöpf auf diese Weise ersonnen, hätte sie eine tiefere Frage stellen müssen: Wie sieht das Gute im Exil aus? Kann ein Wesen gut bleiben ohne Lohn, ohne Anerkennung?
Hiob ist der Urtypus der Güte im Exil. Alles wird ihm genommen: sein Vermögen, seine Gesundheit, seine Familie, selbst sein Gefühl für die Gerechtigkeit im Universum. Und was bleibt? Ein Mann, der in der Asche sitzt, sich mit Tonscherben die Haut schabt, sich weigert, Gott zu verfluchen, sich weigert, seine Würde aufzugeben, selbst als keine Erklärung kommt.
Wir bewundern Gandhi, King und Mandela gerade deshalb, weil sie Hass nicht mit Hass beantworteten.
Hiob stellt die schreckliche Frage: Kann ein Mensch trotz allem gut sein? Kann ich gut sein, selbst wenn ich niemals in die Arme geschlossen, niemals willkommen geheißen, niemals gesehen werde? Kann ich gut sein, selbst wenn die Gesellschaft mich misshandelt? Interessanterweise beantwortete Harriet Beecher Stowe diese Frage in Onkel Toms Hütte durch die Figur des Onkel Tom.
Frankensteins Geschöpf erleidet Zurückweisung, Einsamkeit und Misshandlung und entscheidet sich für die Rache. Onkel Tom hingegen wird brutal behandelt und entmenschlicht, weigert sich aber standhaft, Böses mit Bösem zu vergelten. Er könnte sich retten, indem er eine Frau auspeitscht, die ebenfalls unter der Sklaverei leidet, doch er wählt den Tod durch Auspeitschen, statt ihr zu schaden. Stowe stellt ihn als einen Mann dar, dessen moralische Integrität und aufopfernde Liebe die Gesellschaft beschämen sollen, die ihn versklavt. In diesem Sinne ließe sich Onkel Toms Hütte sogar als idealisiertes Gegenbeispiel zu Shelleys düsterem moralischem Realismus lesen.
Während Shelley die Folgen sozialer und emotionaler Verlassenheit auslotet, entwirft Stowe eine Vision erlösender Standhaftigkeit, die Schuldgefühle wecken und zu Reformen anstoßen soll. Tom erreicht die moralische Höhe, die Shelleys Geschöpf niemals erreicht. Auch wenn Onkel Toms Hütte in die hintersten Winkel der Bibliothek verbannt worden ist, war es nicht ohne Grund der meistgelesene Roman des 19. Jahrhunderts. Abraham Lincoln war aufrichtig überzeugt, dass dieses Buch die Nation näher an einen Krieg heranführte, um die Übel der Sklaverei endlich zu beenden.
Und wenn die Antwort Ja lautet – selbst manchmal, selbst nur mit Mühe: dass wir unter extremem Druck, böse zu werden, gut bleiben können –, dann haben wir etwas Tiefgründiges: eine Ethik jenseits von Lohn und Strafe, verwurzelt in der stillen Entscheidung, barmherzig zu sein, auszuharren, zu geben ohne Applaus.
Gandhi, King, Bonhoeffer, die Weiße Rose, Mandela … sie alle lebten dies: verstoßen, eingekerkert, verhöhnt, und doch weiter an den langen Bogen des Guten glaubend. Vielleicht hätte ein solcher Roman nicht die explosive Dramatik von Frankenstein erreicht, aber er hätte womöglich eine andere Art von Geschichte geschrieben: ein Gleichnis radikaler Güte.
Ein gütiges Herz, von einer grausamen Welt unbefleckt
Ich denke an das Geschöpf – nicht an das, das tötet, sondern an das, das stattdessen vielleicht imstande gewesen wäre, still und liebevoll im Verborgenen zu dienen. In der Welt, die Shelley sich ausmalte, wird das Geschöpf wegen seines Aussehens ausgeschlossen. Auch wir schließen Menschen aus Gründen aus, die ebenso willkürlich sind: Geschlecht, Akzent, Klasse, Hautfarbe, Behinderung, Andersartigkeit überhaupt.
Die Tragödie des Romans besteht nicht darin, dass ein Monster tötet, sondern darin, dass eine Gesellschaft nicht zu erkennen vermag, dass jeder eine Seele hat und jeder, hätte er die Wahl, gerne dienen würde. Manche Menschen werden vielleicht deshalb zu Kriminellen, weil ihnen die Gelegenheit zu dienen verwehrt wird. Frankenstein ist eine Allegorie auf ebendieses gesellschaftliche Versagen.
Manche Menschen werden vielleicht deshalb zu Kriminellen, weil ihnen die Gelegenheit zu dienen verwehrt wird.
Hätte Shelley ein anderes Ende geschrieben, so hätten wir vielleicht eine andere Metapher, nach der wir leben könnten – keine der Rache, sondern der beharrlichen Sanftmut. Man stelle sich Schülerinnen und Schüler vor, die eine Fassung von Frankenstein lesen, in der das Geschöpf, dem man Liebe verweigert, sie dennoch schenkt, in der es sich ein geheimes Leben des Dienens aufbaut, in der seine Geschichte weniger ein Schauerroman ist als vielmehr ein geheimes Evangelium.
Schlussgedanken
Mary Shelley schenkte uns ein Monster, das zum Mörder wird, weil die Welt es nicht Mensch sein lassen wollte. Aber was, wenn es Mensch geblieben wäre, ganz gleich, was die Welt ihm antat? Das wäre die größere Tragödie und der größere Triumph gewesen. Vielleicht sah Mary Shelley irgendwo in ihrer Vorstellung auch diese Fassung, doch wegen der Widrigkeiten, die sie in ihrem eigenen Leben ertrug, starb sie zu jung, um sie zur Reife zu bringen.
Vielleicht glaubte sie schlicht nicht, dass die Welt dafür bereit war. Vielleicht ist sie es noch immer nicht. Doch während ich in Hanoi unter Neonröhren meinen Kaffee schlürfe, ein Expat fern der Heimat, in einem aufblühenden Land, das meine Heimat einst gnadenlos bombardiert und mit Chemikalien geschändet hat, möchte ich gerne glauben, dass Frankenstein im Lauf der Geschichte mehrmals neu geschrieben wurde und dass irgendwo da draußen jemand gerade wieder Frankenstein schreibt. Der andere zerbricht nicht.
Sie halten aus, sie tragen bei, sie lieben, sie heilen.
Daniel Gauss wurde in Chicago geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen und studierte an der UW/Madison (BA) sowie an der Columbia University (MA). Seit 20 Jahren arbeitet er im Bildungsbereich. Er hat zahlreiche Sachtexte auf Plattformen wie The Good Men Project, 3 Quarks Daily und E: The Environmental Magazine veröffentlicht. Außerdem sind von ihm Kurzgeschichten, Science-Fiction, Lyrik und Kindergedichte erschienen. Derzeit lebt er in China. Sein sehr eigenhändig gestaltetes Schreibportfolio (randvoll mit Interessantem) findet sich hier: Daniel Gauss, Writing Portfolio.



